Anfang des 19. Jahrhunderts gilt die
Aufmerksamkeit der Wissenschaft
der Extraktion von Alkaloiden,
hochwirksamen Pflanzeninhaltsstoffen
mit medizinischer Wirkung –
hier beispielsweise Chinin.
Mit einer Apotheke fängt 1668 alles an. Die Engel-Apotheke, die sich bis heute im Familienbesitz befindet, ist die Keimzelle von Merck. Wie seine Berufsgenossen bereitet der Apotheker Friedrich Jacob Merck alle Arzneien selbst zu. Die „pharmazeutische Kunst“ wird damals noch eher handwerklich betrieben.
1816 – einige Apothekergenerationen später – übernimmt Emanuel Merck die väterliche Apotheke und leitet 1827 den Übergang vom Handwerk zur industriellen Produktion ein. Im Labor gelingt ihm die Extraktion von Alkaloiden, hochwirksamen Pflanzeninhaltsstoffen, denen wegen ihrer medizinischen Wirkung die Aufmerksamkeit der Wissenschaft gilt. 1860 verkauft die Firma bereits über 800 organische und anorganische Substanzen, darunter viele, die noch heute im Labor verwendet werden.
Die Wurzeln der Flüssigkristalle – eine der herausragenden Erfolgsgeschichten von Merck – reichen zurück bis in das Jahr 1904. Jahrzehntelang bleiben sie eine Laborkuriosität und ihr Verkauf ein Teil des Laborgeschäfts.
Die 2007 von Merck übernommene Serono beginnt ebenfalls mit der Extraktion von Wirkstoffen. 1906 gründet Cesare Serono in Rom das „Istituto Farmacologico Serono“ und entwickelt eine neue Technik zur Herstellung von Lecithin aus Eidotter. 1949 gelingt es erstmals, reines Gonadotropin aus Urin zu isolieren. Gonadotropin spielt bei der Fortpflanzung eine wichtige Rolle. Mit dessen rekombinanter Produktion verwandelt sich Serono in ein Biotech-Unternehmen.
Der Weg zum globalen börsennotierten Unternehmen
Erste Geschäftsbeziehungen ins europäische Ausland werden bereits um 1820 geknüpft. Seit 1900 unterhält Merck Geschäftsbeziehungen auf allen Kontinenten.
In den USA gründet Georg (später „George“) Merck, ein Enkel von Emanuel Merck, 1891 die Handelsgesellschaft Merck & Co. Infolge des Ersten Weltkriegs verliert die Darmstädter Firma im Rahmen des „Trading with the Enemy Act“ von 1917 alle Anteile. George Merck kann seinen Anteil zurückerwerben. Er wird Präsident der „public company“ Merck & Co. Heute sind beide Unternehmen nicht mehr miteinander verbunden. Die amerikanische Firma Merck & Co. besitzt die Namensrechte in Nordamerika. In der übrigen Welt hat das Darmstädter Unternehmen das alleinige Recht zur Führung des Namens Merck, in den USA und Kanada firmiert es unter EMD, den Initialen von Emanuel Merck, Darmstadt.
Käufe und Verkäufe von Geschäften spielen eine wichtige Rolle bei Merck. Ein entscheidendes Engagement ist seit 1972 die 50 %ige Beteiligung an der italienischen Bracco-Gruppe, die neben Kontrastmitteln und eigenen pharmazeutischen Produkten auch die gesamte Produktpalette von Merck in Italien vertreibt und einen bedeutenden Beitrag zur Ertragskraft von Merck leistet. Im Jahr 1991 übernimmt Merck die „Société Lyonnaise Industrielle Pharmaceutique“ (Lipha), die damals rund 2.700 Mitarbeiter beschäftigt und 723 Mio DM Umsatz erzielt. Mitte der 1990er-Jahre wird das Selbstmedikationsgeschäft um die englische Seven Seas und die französische Monot erweitert. Zur gleichen Zeit erreicht Merck mit dem Erwerb der englischen Amerpharm eine kritische Masse im Generikageschäft. Die Übernahme einer ganzen Reihe von Labordistributoren wird 1999 mit dem Kauf des amerikanischen Labordistributions-Unternehmens VWR Scientific Products abgeschlossen.
Um diese Akquisitionen finanziell absichern zu können, geht Merck 1995 an den Kapitalmarkt. Die Merck KGaA gibt 26 % ihrer Anteile an Kommanditaktionäre aus. Die Familie Merck hält danach über den Komplementär E. Merck die restlichen 74 %. Nach einer Kapitalerhöhung im Jahr 2007 verschieben sich die Anteile leicht auf das heutige Verhältnis von 30 zu 70.
Die erste Hälfte des zu Ende gehenden Jahrzehnts ist von Verkäufen und Ausstiegen geprägt. 2000 trennt sich Merck von der Bracco-Beteiligung und der Vitaminchemie, 2004 von der Labordistribution und den Elektronikchemikalien. 2006 ist Merck schuldenfrei.
Im Jahr 2007 gelingt Merck die transformierende Übernahme von Serono. Mit einem Kaufpreis von 10,3 Mrd € ist dies die mit Abstand größte Akquisition, die Merck jemals getätigt hat. Da im gleichen Jahr das Generikageschäft für 4,9 Mrd € verkauft wird, kann die Verschuldung bis Jahresende unter 1 Mrd € gesenkt werden.
