Die Konjunktur hat sich von der tiefsten Krise seit dem Zweiten Weltkrieg wieder erholt. Im Pharmabereich sind die Schwellenländer auf dem Vormarsch. Die chemische Industrie – und hier vor allem die deutsche – verzeichnete ein außerordentlich gutes Jahr 2010.
Weltwirtschaft kommt wieder in Schwung – Unsicherheit bleibt
Die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) berichtet von einem Wirtschaftswachstum ihrer 34 Mitgliedsstaaten von 2,8 % im Jahr 2010. Die größte Volkswirtschaft, die USA, verzeichnete dabei ein Wachstum des Brutto-Inlandsprodukts (BIP) um 2,7 %, während die Staaten der Eurowährungszone um 1,7 % zulegten und Japan auf ein Wachstum von 3,7 % zurückblicken kann. Positiv erwähnt die OECD, dass die stark gestiegenen Unternehmensgewinne reinvestiert worden sind. Negativ dagegen machten sich die erneut fallenden Immobilienpreise in den USA sowie zunehmende Spannungen an den Devisenmärkten bemerkbar.
Der Internationale Währungsfonds (IWF), der über die Entwicklung des Weltwirtschaftswachstums berichtet, errechnet für das Jahr 2010 eine Steigerung um 4,8 %. Die Industrieländer verzeichneten demzufolge einen BIP-Anstieg um 2,7 %, wobei allerdings die Industrieproduktion noch beachtlich unter dem Niveau vor der Krise liegt. Dagegen erreichten die so genannten aufstrebenden und sich entwickelnden Länder einen BIP-Anstieg um 7,1 %. Darunter befinden sich auch die BRIC-Staaten genannten Länder China (+10,5 %), Indien (+9,7 %), Brasilien (+7,5 %) und Russland (+4 %).
Der IWF bewertet das erreichte weltweite Wachstum als eher schwach, da sich die weltweite Wirtschaft noch von der tiefsten Rezession seit dem Zweiten Weltkrieg erholt. China hingegen konnte mit von der Regierung gesetzten Anreizen eine Erholung erreichen, die sich selbst trägt, vor allem durch die Nachfrage aus dem privaten Sektor. Allerdings registrieren Ökonomen in Teilen Chinas Spekulationen an den Immobilienmärkten mit der Folge möglicher Korrekturen. Die Erholung in Lateinamerika wird nach IWF angeführt von Brasilien, zeige aber derzeit Anzeichen möglicher Überhitzung.
Der IWF sieht die Stabilität der Finanzmärkte eher kritisch. Nach Ansicht der Organisation ist sie schon in der ersten Jahreshälfte 2010 zurückgegangen und die Unsicherheit nimmt zu. Zunehmende Spannungen im internationalen Währungsgefüge sowie die expansive Geldpolitik der USA bergen Risiken. Insgesamt hat sich laut IWF ab dem dritten Quartal 2010 die wirtschaftliche Erholung verlangsamt. Unsicherheiten waren und sind die private Nachfrage sowie die Auswirkungen des Endes staatlich gesetzter wirtschaftlicher Anreize. Die Inflation lag im Jahr 2010 in den Industriestaaten unter 1,5 % und in den Volkswirtschaften der Schwellenländer bei 5,75 %.
Pharmamärkte der Industrieländer mit immer mehr Gegenwind
Das Pharma-Marktforschungsunternehmen IMS Health berichtet von weltweiten Pharma-Umsätzen im Jahr 2010 von etwa 840 Mrd USD, was einem Wachstum von etwa 4,5 % entspricht. Die Umsätze im weltweit größten Markt, den USA, lagen bei 310 Mrd USD. Die eher reifen Märkte der Industriestaaten wuchsen nicht mehr besonders stark, wozu auch Gesundheitsreformen z.B. in Frankreich, Spanien und Griechenland beitrugen.
Märkte mit hohen Wachstumsraten waren dagegen die BRIC-Länder Brasilien, Rußland, Indien, China, aber auch die Türkei und Indonesien. Die aufstrebenden Staaten waren im Jahr 2010 bereits für 42 % des weltweiten Wachstums der Pharmamärkte verantwortlich.
Nach IMS-Angaben wird es zunehmend schwieriger, neue Präparate auf den Markt zu bringen und die Investitionen zu amortisieren. In einigen Ländern, darunter Spanien, Italien und China, gewinnen darüber hinaus regionale oder gar lokale Behörden deutlich an Mitspracherecht neben nationalen Behörden. Damit verlängert sich nach Einschätzung von IMS die Zeit bis zur Markteinführung, falls es überhaupt noch dazu kommt.
Chemische Industrie verzeichnet starkes Wachstum
Nach Angaben des europäischen Branchenverbandes CEFIC (Conseil Européen de l’Industrie Chimique) wuchs die chemische Industrie in Europa im Jahr 2010 um 10 % im Vergleich zum krisenbedingt schwachen Jahr 2009. Deutschland war der Wachstumsmotor der europäischen chemischen Industrie, doch hat der gesamte Industriezweig das Vorkrisenniveau von 2007 noch nicht wieder erreicht. Weltweit betrug 2009 das Umsatzvolumen 1.871 Mrd EUR. Die 27 EU-Staaten hatten daran mit 449 Mrd EUR lediglich einen Anteil von 24 %. Deutschland hält mit 25,5 % des Umsatzes die Spitzenposition in Europa. Asien liegt weltweit auf Platz eins mit 834 Mrd EUR, angeführt von China mit 416 Mrd EUR. 26 % des europäischen Chemieumsatzes entfällt auf Spezialchemikalien, wozu auch die Produkte von Merck zählen. So genannte Chemikalien für Verbraucher, darunter ebenfalls Merck-Produkte, machen nach der CEFIC-Erhebung 14 % des europäischen Chemieumsatzes aus. (Zahlen für 2010 liegen erst nach Drucklegung dieses Berichtes vor).
Nach Verbandsangaben hat sich das Wachstum zum Jahresende hin wieder abgeschwächt, da wirtschaftliche Anreize in einigen Länder auslaufen. Laut CEFIC war die Nachfrage aus nicht-europäischen Staaten der Hauptwachstumstreiber.
Für Deutschland errechnet der Verband der Chemischen Industrie (VCI) ein Wachstum von knapp 18 % auf 170 Mrd EUR. Die VCI-Mitgliedsunternehmen, etwa 1600 an der Zahl, investierten 6,4 Mrd EUR in Sachanlagen und gaben fast 9,4 Mrd EUR für Forschung und Entwicklung aus. Für den größten Markt, die USA, beziffert der dortige Chemieverband American Chemical Council (ACC) das Volumen für 2010 auf gut 670 Mrd USD. Dabei war der Export eine wichtige Größe mit einem Handelsbilanzüberschuss von 3,7 Mrd USD, verglichen mit einem Defizit von 100 Mio USD im Vorjahr. Die Produktion in Schwellenländern ist laut ACC im Jahr 2010 um 12 % gestiegen.
