Interview mit Dr. Shinta Primasara
Dr. Shinta Primasara (36) aus der indonesischen Provinz Nordsumatra ist Mutter von drei Kindern. Ihr Sohn Muhammad Harits Zaki (10) sowie ihre Töchter Amirah Fatimah (4) und Azizah Aisyah (6 Monate) leiden alle an einer Schilddrüsenunterfunktion (Hypothyreose). Obwohl Dr. Primasara selbst Ärztin ist, dauerte es lange, bis bei ihrem ersten Kind die Diagnose gestellt und eine geeignete Therapie begonnen wurde.
Interview
Dr. Primasara, wie haben Sie gemerkt, dass mit Ihrem ältesten Kind Muhammad Harits etwas nicht stimmte?
Als Baby machte mein Sohn anfangs einen sehr gesunden Eindruck. Bis zum Alter von sechs Monaten entwickelte er sich altersgerecht. Er hatte zwar gelegentlich Fieber oder Durchfall, aber nichts, was mich beunruhigt hat. Als er neun Monate alt war, bemerkte ich, dass etwas nicht stimmte. Harits konnte nicht alleine sitzen, aber auch zu diesem Zeitpunkt glaubte sein Kinderarzt noch immer nicht an eine ernsthafte Störung. Später machte unser Sohn in seiner Entwicklung Rückschritte . Darum suchten wir mit ihm einen Neurologen auf, um die Ursache abzuklären. Dieser diagnostizierte bei Harits einen Schilddrüsenhormonmangel (Hypothyreose); daraufhin suchten wir einen Endokrinologen auf, der die Behandlung mit Schilddrüsenhormonen verordnete.
Wie geht es Ihrem Sohn heute?
Der durch die Schilddrüsenunterfunktion verursachte Hormonmangel wirkt sich auf die Gehirnentwicklung aus. Deshalb war auch die geistige Entwicklung meines Sohnes verzögert. Er hat starke Lernschwierigkeiten, kann Dinge nicht alleine erledigen und sein Hörvermögen ist beeinträchtigt - er kann nur tiefe Töne hören.
Sie sind selbst Ärztin. Wie haben Sie die Diagnose aufgenommen?
Als ich von der Diagnose erfuhr, war ich schockiert. Damit hätte ich nie gerechnet. Zu meiner Zeit an der Hochschule war diese Erkrankung kaum bekannt. Ich hatte das auch nicht erwartet, da Harits sich anfangs normal entwickelte. Ich hätte außerdem auch nicht gedacht, dass bei mir selbst während der Schwangerschaft eine Schilddrüsenunterfunktion vorlag. Ein Hypothyreose-Screening ist deshalb wichtig, um die Erkrankung bei Neugeborenen zu entdecken.
Bei Ihren Töchtern wurde auch eine Schilddrüsenfunktionsstörung diagnostiziert, aber zum Glück direkt nach der Geburt.
Ich habe viel über Schilddrüsenerkrankungen gelernt und weiß jetzt darüber Bescheid. Es ist sehr schwierig, klinische Symptome bei Neugeborenen zu entdecken, da sie nicht sofort auftreten. Während meiner beiden folgenden Schwangerschaften wurde meine Schilddrüsenunterfunktion behandelt. Meine Töchter wurden beide als Neugeborene im Alter von vier bis fünf Tagen untersucht und erhielten dieselbe Diagnose. Dank der direkten Behandlung entwickeln sie sich normal, wofür ich sehr dankbar bin.
Indonesien: Aufmerksamkeit für die Schilddrüse
Indonesien hat eine der höchsten Raten an Schilddrüsenerkrankungen in Südostasien. Doch nur 1 % der Erkrankten wird gezielt behandelt. Dabei leiden vor allem Kinder unter dieser Krankheit: Der gestörte Hormonhaushalt kann Auswirkungen auf ihre Entwicklung haben.
Wir möchten die Bevölkerung über die Schilddrüsenerkrankungen aufklären. Dazu arbeiten wir seit 2014 mit der indonesischen Regierung zusammen. Im Rahmen der Kampagne „Set yourself free from Thyroid“ organisieren wir zum Beispiel Symposien, Vorträge oder Seminare für Ärzte und Öffentlichkeit. Vor allem setzen wir uns für die landesweite Durchführung der standardmäßigen Untersuchung von Neugeborenen ein. 2014 wurde sie von der Regierung bereits angeordnet – jedoch verläuft die Umsetzung bisher schleppend. Derzeit entwickeln unsere Experten zusammen mit der Indonesian Pediatric Society ein Handbuch zu Schilddrüsenerkrankungen bei Kindern. Es soll Kinderärzten helfen, die Krankheit zu diagnostizieren.
Rund 20 Millionen Menschen erreichten wir 2016 über unsere weltweiten Schilddrüsenkampagnen. Mehr als 14.500 Personen wurden untersucht.
Schaltzentrale des Stoffwechsels
Die schmetterlingsförmige Schilddrüse ist der „Hauptkontrolleur“ des Stoffwechsels. Ihre wichtigste Aufgabe ist es, Schilddrüsenhormone zu produzieren. Diese Botenstoffe sorgen dafür, dass die Gewebe und Organe im Körper richtig funktionieren. Bei einer Schilddrüsenfehlfunktion werden entweder zu viele Schilddrüsenhormone produziert und ins Blut abgegeben (Überfunktion, Hyperthyreose) oder aber zu wenig solcher Hormone (Unterfunktion, Hypothyreose). Das beschleunigt beziehungsweise verlangsamt den Stoffwechsel. Es gibt viele verschiedene Symptome. Zum Beispiel schwitzen Betroffene vermehrt oder fühlen sich unruhig, während andere müde und depressiv sind.
„Schmetterlinge fangen“ – weltweit!
Unser Unternehmen möchte die Schilddrüse und ihre möglichen Erkrankungen rund um den Globus bekannter machen. Mit der Vereinigung Thyroid Federation International (TFI) unterstützen wir bereits seit neun Jahren die Internationale Woche der Schilddrüsengesundheit. Das Motto im Mai 2016: „Schmetterlinge fangen: Entdecken Sie die Symptome von Schilddrüsenerkrankungen bei Kindern!“ Eine von uns beauftragte internationale Studie aus dem Jahr 2016 hat nämlich gezeigt: Weltweit können 84 % der Mütter typische Symptome bei ihren Kindern nicht einwandfrei erkennen.
Zusammen mit der TFI haben wir deshalb ein Video, ein Kinderbuch sowie Informationsmaterialien entwickelt. Sie erklären die Symptome einer Schilddrüsenüber- beziehungsweise Schilddrüsenunterfunktion anhand zweier Schmetterlingsfiguren, die Hypo und Hyper heißen. Weltweit unterstützen 34 unserer Standorte diese Kampagne: zum Beispiel mit Social-Media-Aktivitäten, Malwettbewerben, Informationsveranstaltungen oder kostenlosen Untersuchungen.
„Auf der ganzen Welt leiden Millionen Menschen an einer Schilddrüsenerkrankung. Jedoch wissen die meisten Betroffenen nichts davon. Sie schlagen sich mit gesundheitlichen Einschränkungen herum, die mit der richtigen Therapie ganz einfach zu beseitigen wären. Unsere Vereinigung Thyroid Federation International will das ändern und setzt sich dafür ein, Schilddrüsenfehlfunktionen bekannter zu machen.”Ashok BhaseenPräsident von Thyroid Federation International
Noch mehr Aufklärung
Viele Krankheiten bleiben zunächst unentdeckt. Auch über Diabetes, Multiple Sklerose (MS) oder Krebs wissen die Menschen oft zu wenig. Unser Unternehmen kennt sich mit diesen Krankheiten bestens aus. Deshalb führen wir weltweit Aufklärungskampagnen durch und arbeiten dabei eng mit verschiedenen Partnern zusammen, beispielsweise Patientenorganisationen. Viele unserer Mitarbeiter beteiligen sich ebenfalls an den Aktionen. Außerdem organisieren wir regelmäßig Aufklärungskampagnen in unserem Unternehmen.
17 Aufklärungskampagnen organisierten wir 2015 und 2016 weltweit zu verschiedenen Krankheiten wie Krebs, Diabetes, Multiple Sklerose oder Schilddrüsenfehlfunktionen.
Unfruchtbarkeit darf kein Stigma sein
Mit unserer Initiative „More than a Mother“ möchten wir gemeinsam mit Partnern aus Politik und Wissenschaft das Bewusstsein für die Vorbeugung von Unfruchtbarkeit schärfen und die Stigmatisierung von unfruchtbaren Frauen in Afrika bekämpfen. Im Jahr 2016 weiteten wir die im Jahr zuvor in Kenia gestartete Initiative auf Uganda, Nigeria, Tansania, Ghana, die Zentralafrikanische Republik und die Elfenbeinküste aus. Dort wollen wir Embryologen und Fertilitätsspezialisten schulen und so Kapazitäten für Fruchtbarkeitsbehandlungen aufbauen. Außerdem unterstützen wir die Regierungen dabei, den Zugang zu sicheren und wirksamen Fruchtbarkeitsbehandlungen zu verbessern. Darüber hinaus halfen wir 2016 mehr als 1.000 betroffenen Frauen dabei, ihr eigenes Geschäft aufzubauen und so finanzielle Unabhängigkeit zu erlangen. Die First Ladies von Nigeria, der Zentralafrikanischen Republik und Sierra Leone unterstützen die Kampagne. Sie wird in den sozialen Medien begleitet, um die Leidensgeschichten betroffener Frauen öffentlich zu machen.
„Das Engagement für mehr Gesundheit entfaltet eine nachhaltige Wirkung: Es verbessert das Leben ganzer Familien, Gemeinschaften und zukünftiger Generationen. Rund um den Globus unterstützen wir Kampagnen, die über Krankheiten und Therapiemethoden informieren – und fördern so die medizinische Aufklärung in Entwicklungsländern. Wir unterstützen den weltweiten Zugang zu Gesundheit: Damit tragen wir maßgeblich dazu bei, den Nachhaltigkeitszielen der Vereinten Nationen Schritt für Schritt näherzukommen.“Belén GarijoMitglied der Geschäftsleitung und CEO Healthcare
Bestens informiert im ländlichen Indien
Mit unserem Projekt „Su-Swastha“ möchten wir die Gesundheitsversorgung in den ländlichen Regionen Indiens verbessern. Wir klären sowohl die Bevölkerung als auch die Ärzte vor Ort über alltägliche Gesundheitsprobleme und deren Behandlung auf. Experten informieren zum Beispiel über Husten sowie Kinderkrankheiten und erklären, wie man sie vermeiden kann. Darüber hinaus gibt es kostenlose Gesundheitschecks und Weiterbildungen für Ärzte.
