Interview mit Johannes Canisius
Der promovierte Chemiker Johannes Canisius ist einer der Köpfe hinter unserer neuesten Vision in der Flüssigkristall-Technologie: Seit 2012 arbeitet der 49-Jährige mit seinem Team an der Entwicklung von Flüssigkristallfenstern, den sogenannten Liquid Crystal Windows (LCW). Was es damit auf sich hat, erzählt der Leiter des eigens gegründeten LCW-Geschäftsfelds im Unternehmensbereich Performance Materials, im folgenden Interview.
Interview
Sie und Ihr Team haben eine „Sonnenbrille für Fenster“ entwickelt. Was genau steckt dahinter?
Wenn die Sonne ins Büro scheint, blendet sie und erwärmt den Raum – davor schützen Jalousien. Das Problem: Sie dunkeln den Raum ab und nehmen die Sicht. Licht muss eingeschaltet werden. Und oft nutzt man Klimaanlagen für die Kühlung. Wir haben uns gefragt: Gibt es da nicht eine bessere, nachhaltigere Lösung? Wir haben den Fenstern eine Art Sonnenbrille aufgesetzt: Durch unsere Flüssigkristall-Technologie lässt sich das einfallende Licht auf Knopfdruck regulieren. Bei Sonne kann der Raum stufenlos abgedunkelt werden und heizt sich weniger stark auf. Energie für Kühlung und Beleuchtung wird reduziert. Auf Jalousien kann verzichtet werden, das fördert den Wohlfühlfaktor: Ein ungestörter Blick ins Freie – da werden Menschen kreativer und produktiver!
Klingt einleuchtend. Wie entstand diese Idee?
Unser Unternehmen ist Weltmarktführer in der Flüssigkristall-Technologie. Bislang haben wir uns darauf konzentriert, dass Flüssigkristall-Displays in Smartphones, Tablets oder Fernsehern weniger Energie brauchen. 2012 haben wir uns gesagt: Mit unseren Kristallen ist doch noch mehr möglich! Wir wurden auf das niederländische Start-up-Unternehmen Peer+ aufmerksam. Das kleine Team experimentierte mit Flüssigkristallen in Fenstern. Zwei Jahre lang forschten wir gemeinsam, danach übernahmen wir die Firma. Wir ergänzen uns optimal mit unseren Ideen und unserem Know-how.
Welche Rolle spielt das Thema Nachhaltigkeit bei Ihrer Arbeit?
Glücklicherweise spielt es eine große Rolle. Ich kann jeden Tag an neuen, nachhaltigen Ideen arbeiten. Bei der Entwicklung der Flüssigkristallfenster-Technologie hat uns die Geschäftsleitung stark unterstützt. Auch in herausfordernden Phasen. Der Wunsch, neue Wege zu gehen, der muss von ganz oben mitgetragen werden. Und das ist in unserem Unternehmen der Fall!
Energiesparer
Unsere Flüssigkristallfenster können Energie sparen. Da ein Teil des Sonnenlichts und damit auch der Wärme absorbiert werden, heizt sich der Raum nicht so stark auf. Kühlung beispielsweise über eine Klimaanlage ist weniger notwendig. Das Licht kommt zwar nach wie vor ins Gebäude, blendet aber nicht. Vorhänge oder Jalousien müssen nicht mehr zugezogen, das Licht nicht eingeschaltet werden. Alles in allem lassen sich so bis zu 40 % Energie einsparen, die normalerweise für Kühlung oder Beleuchtung benötigt wird.
Bis zu
40 %Bis zu 40 % Energie für die Raumkühlung oder -beleuchtung lässt sich in einem Gebäude, das mit Flüssigkristallfenstern ausgestattet ist, einsparen.
Flüssigkristallfenster als Sonnenschutz – so funktioniert‘s
Zwischen zwei Glasscheiben befindet sich ein Gemisch aus Flüssigkristallen und Farbmolekülen, die ihre Lage entsprechend dem elektrischen Spannungsfeld verändern. Wenn das Spannungsfeld per Knopfdruck verändert wird, richten die Flüssigkristalle die Farbmoleküle neu aus, die dann entsprechend ihrer Lage mehr oder weniger Licht absorbieren. Darüber wird die Lichtdurchlässigkeit des Fensters gesteuert. Ist es auf „hell“ eingestellt, dringt das Licht hindurch. Wird es verdunkelt, werden Licht und Wärme absorbiert – aber man kann immer noch hindurchschauen.

Selbstversorgung technisch denkbar
Flüssigkristallfenster könnten auch in die Lage versetzt werden, selbst Strom herzustellen. Die Flüssigkristall-Mischung kann so designt werden, dass sie als Lichtleiter funktioniert. Einfallendes Licht würde zu den Innenrahmen der Fenster geleitet, wo kleine Solarzellen sitzen. Diese würden dann genügend Strom erzeugen, um den Betrieb der Fenster zu ermöglichen.
Ressourcensparer
Gebäude mit riesigen Fensterfronten haben ein Problem: Ihr Sonnenschutz ist sehr aufwendig. Elektrisch betriebene Jalousien sind reparaturanfällig. Ein Austausch der Motoren ist aufwändig und teuer. Dabei werden bei großen Bürogebäuden oft vorsorglich alle Motoren gleichzeitig ausgewechselt – auch die, die noch funktionieren. Die Materialverschwendung ist groß. Mit unseren Flüssigkristallfenstern sind Jalousien nicht mehr nötig. Die Fenster sind nahezu wartungsfrei und sind zu 100 % recycelbar.
Zu 100 % lassen sich unsere Flüssigkristall-Fenster nach Ende ihrer Lebensdauer recyceln.
„Unsere Mitarbeiter haben kreative Ideen und entwickeln innovative und nachhaltige Lösungen. Unser Unternehmen fördert sie. Das Team um Johannes Canisius ist hierfür ein Paradebeispiel: die Liquid Crystal Windows haben unserer Flüssigkristall-Technologie eine ganz neue Richtung gegeben. Sie werden schon bald fester Bestandteil moderner Architektur und nachhaltigen Gebäudemanagements sein.“Walter GalinatMitglied der Geschäftsleitung und CEO Performance Materials
Am Körper spürbar
In unserer Konzernzentrale in Darmstadt haben wir unsere Flüssigkristallfenster bereits in unserem modularen Innovationszentrum und in unserem OLED-Produktionsgebäude eingebaut. „Im Sommer kann man sofort fühlen, wie es kühler wird, wenn sich das Fenster abdunkelt und das Sonnenlicht abgeschirmt wird“, berichtet Johannes Canisius von der erfolgreichen Testphase.
Wohlfühl-Trend in der Architektur
Displays? Können wir! Aber Fenster? Wir waren mit der großen Herausforderung konfrontiert, uns mit unserer neuen Technologie auf den eher innovationsscheuen Markt der Baubranche einzustellen. Der Trend in der modernen Architektur, stark auf den Wohlfühlfaktor zu setzen, kommt uns dabei allerdings entgegen. Nicht nur in Eigenheimen, auch in großen Gebäudekomplexen ist der Glasanteil in den vergangenen Jahren enorm angestiegen. Die Zeit für unsere Flüssigkristallfenster ist reif.
„Moderne Bauwerke bekommen immer mehr Ähnlichkeit mit lebenden Organismen. Ihre Fassade gleicht einer Haut, die dafür sorgt, dass es im Inneren komfortabel ist. Wie im menschlichen Körper müssen auch in einem Gebäude alle Teile harmonisch zusammen funktionieren. Unsere Flüssigkristallfenster reihen sich hier bestens ein. Sie lassen sich nahtlos in andere Licht- und Energieregulierungen eines Gebäudes integrieren, nutzen das Tageslicht optimal aus und machen das Bauwerk zu einem Platz an dem wir uns gern aufhalten.“Caspar van OostenGeschäftsführer von Merck Window Technologies, Mitentwickler der LCW-Technologie, ehemals Gründer und Miteigentümer des Start-up-Unternehmens Peer+
Vermarktung der Flüssigkristallfenster
Unsere Fenster stehen kurz vor der Markteinführung. Die erste Produktionsanlage in Veldhoven in den Niederlanden wird im Laufe des Jahres 2017 fertiggestellt. Zielgruppe ist zunächst die Premium-Architektur. Dort, wo große Fensterfassaden in Hochhäusern oder Konzernzentralen verbaut werden und der Sonnen- und Blendschutz komplex ist. Haben sich die Fenster dort etabliert, möchten wir in den Massenmarkt einsteigen. Wir sind davon überzeugt, dass Flüssigkristallfenster schon in absehbarer Zeit zum Standard werden.
5 Jahre arbeiteten rund 40 Menschen – darunter Ingenieure, Wissenschaftler und Qualitätsmanager – am Projekt Flüssigkristallfenster-Module: Von der Idee im Jahr 2012 bis zur Marktreife im Jahr 2017.

